Über die Ausstellung
Markus Redl
Exit_Safe_Space
Wir freuen uns sehr, zu unseren ersten Ausstellung mit dem österr. Künstler Markus Redl einzuladen! Unter dem Titel Exit_Safe_Space zeigt Redl Zeichnungen sowie Skulpturen.
Markus Redl wurde 1977 in Klosterneuburg geboren und ist Zeichner, Bildhauer und Autor. Er studierte zunächst Psychologie an der Universität Wien und dann von 1998 bis 2004 an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Ingeborg Strobl und Erwin Wurm. Er lebt und arbeitet in Wien.
Zur Ausstellung
Die Zeichnungen in der Ausstellung beziehen sich aufeinander und den Themenkomplex von Exit_Safe_Space. Sie bearbeiten Wunschvorstellungen und sind Ergebnisse eines Arbeitens und Schauens, um zu betrachten.
In der Ausstellung schauen Vögel auf ein Portal im Raum; sie bewegen sich für Gewöhnlich durch die Lüfte, über die Grenzen von Nationen, Land und Wasser. Die hoch angesehenen Auguren waren römische Priester, die durch Beobachtung der Vögel und ihren Flugbahnen den Willen der Götter deuteten und damit die Geschicke der Herrscher beeinflussten. Für Vögel hat innen und außen naturgemäß keine Bedeutung, jedenfalls nicht jene, die für Menschen so existenziell erscheint. Käuze sind lautlose Jäger, die Katzen der Lüfte und wurden über die Zeit und den Raum hinweg von Menschen sehr unterschiedlich wahrgenommen. Sie waren ebenso Symbole für Weisheit, wie sie als Todesboten galten und deshalb ihrerseits gejagt wurden, um tot an Haustore genagelt zu werden und damit drohendes Unheil abzuwenden.
Das Portal, als Grenze zum sicheren Raum, wurde markiert und in der Ausstellung schauen die Käuze auf eine Tür, die ohne erlegte Totenvögel vor uns liegt. Sicherheit und Freiheit sind zwei Sehnsuchtsorte, Wunschräume des Menschen und sie scheinen sich gegenseitig auf den Leib zu rücken. Mitunter entsteht der Eindruck: Je weitreichendere Anstrengungen zur Sicherheit unternommen werden, desto weitreichendere Einschränkungen erfährt die Freiheit und so bleibt der Versuch zwischen diesen Polen eine Balance zu finden, ein Hochseilakt laufender Verhandlungen mit ungewissem Ausgang.
Assoziationen: „la borsa“ ist nicht nur die Geldbörse, es ist auch eine Tasche und ebenso die Finanzbörse. In der Ausstellung Exit_Safe_Space verbinden sich also der Beutel, die Bruttasche vom Känguru, „Marsupium“, mit dem Tresor „the safe“ und „la borsa“, zu den materiellen wie immateriellen Räumen von und für Werte des Daseins. Die Vorstellung von und der Wunsch nach Sicherheiten werden durch Körper erzeugt, die Räume bilden. Die Bruttasche schützt neues und heranwachsendes Leben; der Safe schützt Wertgegenstände, die als Sicherheiten für das Leben dienen, und die Börse ist der Raumkörper, in dem sich sammelt, was unser Leben, durch Tausch an „Wertigkeiten“, gestaltet. Doch in der Bruttasche sitzt ein König*innenkind, von dem wir nicht wissen, wie es sich entwickeln wird und der Tresor aus Stein lässt sich nicht befüllen, wie sich die Börse aus Stein nicht öffnen lässt. Die Formen sind Hinweise auf Funktionen und Inhalte, die weder kontrolliert noch beherrscht werden können. Sie heben sich in ihrer Aussage selbst auf und bleiben abhängig von Interpretationen, die den Vorgang von Wertzuschreibungen selbst als volatilen, aber einzigen Sinn verdeutlichen.
In der Spiegelgasse zu sehen: Die Belly Buttons aus Bronze sind als spielerische Module und variantenreich zu installierende Plastiken Zitate auf jene Schnittstelle, die alle Menschen miteinander verbindet: Der Bauchnabel! Genau diese Schnittstelle ist der Verbindungspunkt, wie auch Exit, zu dem Safe Space, in dem wir Menschen uns entwickeln und versorgt werden.
… Das Banner am Bandeisen zeigt ein Reizreaktionsgeschöpft, das Krokodil. Es liegt in der Sonne, es liegt im Wasser und wenn etwas Verwertbares vorbeikommt, dann schnappt es zu und frisst. … Der Bildhauerfäustel darf nicht fehlen, wie auch Schrift und Text in meinen Werken nicht fehlen darf, sie bilden meinen Exit und meinen Safe Space auf ganz persönlicher Ebene, deshalb sind sie auch Teil der Ausstellung. … Ganymed ist nach der griechischen Mythologie der schönste Sterbliche, Sohn des trojanischen Königs Tros und wird seiner Schönheit wegen vom Göttervater Zeus entführt, um den Göttern am Olymp als Mundschenk zu dienen. Die Geschichte wird auf unterschiedlichste Weisen erzählt. In einer davon, nimmt Zeus für sein Vorhaben die Gestalt eines Adlers an. In der Zeichnung am Banner reicht Ganymed dem Adler eine Schale und in dem Trank befinden sich die Buchstaben E X I T. Nach der Entführung wird Ganymed von Zeus als Sternbild für das Tierkreiszeichen Wassermann an den Himmel gesetzt.
… Die abstrakten Bilder an der Wand gegenüber des Banners stellen klassische Muster von Bodenbelägen antiker Räume dar, die durch wirre Linien die klare Struktur und Anordnung irritieren und ein Stück weit auflösen. Sie sind der Exit aus und die Befreiung von der vorgegebenen Ordnung. … Und schließlich gibt es noch Gotthold Ephraim Lessing, den Wegbereiter der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert, der für Toleranz und Humanität eintrat, für Gedankenfreiheit und gegen die Bevormundung des Bürgertums durch den Adel. Auch er hat einen Vogel, direkt auf seinem Kopf und dieser schafft eine Verbindung zum anderen Ausstellungsraum mit seinen Käuzen. Im Bild ist zu lesen: „non-binäre Dividende“. Dies kann als Anspielung auf das Konzept der „patriarchalen Dividende“ verstanden werden, nach dem Männer durch die strukturelle Unterordnung von Frauen und bestehenden Geschlechterhierarchien profitieren und immer bevorzugt bleiben. Durch den Vorschlag „non-binär“ anstatt „patriarchal“ in Verbindung mit Dividende (also auszuschüttender Gewinn) zu verwenden, drängt sich die Frage auf, inwiefern non-binäres Denken eine politische Debatte über Parität verändern könnte. …
Zum Ausstellungstitel
Rund um den Erdball vollzieht sich seit längerer Zeit schon ein sogenannter „Vibe-Shift“ und Europa schafft sich selbst ab. Warum auch nicht? Doch im Zentrum der Latenz tut sich etwas. Mitten in Europa, im ersten Bezirk von Wien, gibt es eine Ausstellung, in den Räumlichkeiten von Smolka Contemporary, mit dem Titel: Exit_Safe_Space.
Ursprünglich wurden nach dem zweiten Weltkrieg, in den 1950er Jahren, spezielle Etablissements für Lesben und Schwule als „Safe Spaces“ bezeichnet. In den 1970er Jahren wurde dieser Begriff im deutschsprachigen Raum zunehmend von Selbsterfahrungsgruppen übernommen und hatte von da an nicht mehr explizit mit der Frauenbewegung und ihrem politischen Kampf für Frauenrechte zu tun.
In der Soziologie wird ein Safe Space als inklusive Umgebung verstanden, ein Schutzraum, oder geschützter sozialer Raum für Menschen, die als Angehörige einer Gruppe Diskriminierungserfahrungen teilen. Mittlerweile kann ein Safe Space sehr viel sein und einen Schutzraum darstellen, der von unterschiedlichsten Gruppen benutzt wird. Immer noch unterscheidet er sich allerdings von einem „Safe Room“, der im Gegensatz zum psychologischen Schutzraum den physischen Schutzraum gegen äußere Bedrohungen, wie etwa ein Bunker gegen Bomben, darstellt.
> Die Kombination von „Safe Space“ mit dem Wort „Exit“ ist als Ausstellungstitel deshalb besonders interessant, weil sie in eine unauflösbare Unsicherheit führt. „Exit“ ist für sich genommen ein vielschichtiges Wort. Es bedeutet Hinausgehen – aus etwas heraus – und wurde als Bühnenanweisung für den Abgang von Agierenden verwendet. „Exit“ kann bedeuten, etwas beenden, eine Situation verlassen, hinaus aus dem Leben, aus dem Leid, weg in ein Anderswo und es ist auch die Chance seine Not zu wenden, zum Besseren, vor dem Ende flüchten, sich in Sicherheit bringen; es kann als Wort, den Übergang vom Leben in den Tod meinen, wie auch den Weg weisen, sich vor dem Tod zu schützen.
> Der Titel „Exit_Safe_Space“ bedarf einer Interpretation, die, egal wie sie ausfällt, keine Sicherheit mit sich bringt, weil nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob man sich aus einem Safe Space heraus, oder in einen Safe Space hinein bewegt.
Texte von Markus Redl
Lobkowitzplatz 3 / Spiegelgasse 25, 1010 Wien
Wann
10.04. – 28.05.2026 / Demnächst
Künstler*innen